Wie alles begann
Im Sommer 1909 unternahm der an der Nette-Schule in Altena unterrichtende Lehrer Richard Schirrmann mit seinen Schülern eine Wanderfahrt. Nachdem sie in der ersten Nacht auf einem Bauernhof übernachtet hatten, zog in der zweiten Nacht ein schweres Gewitter auf und ein Landwirt, den Sie um Quartier ersuchten, zeigte sich wenig entgegenkommend. Daher gingen sie weiter zur Dorfschule, wo es Ihnen die Lehrersfrau gestattete, in der Schule zu übernachten.
Diese Nacht erwies sich als Geburtsstunde der weltweiten Jugendherbergsbewegung, denn während draußen der Sturm tobten, hatte Richard Schirmmann eine zündende Idee:"Jedem wanderwichtigen Ort in Tagesmarschabständen gleich Schule und Turnhalle auch eine gastliche Jugendherberge zur Einkehr für die wanderfrohe Jugend Deutschlands ohne Unterschied." Diesen Gedanken stellte er 1910 in einem Aufsatz über "Volksschülerherbergen" in der "Kölnischen Zeitung" vor: "Auch die Knaben und Mädchen des gemeinen Mannes müssen frischfröhliches Wandern als Gegengewicht für die Stubenhockerzeit ihrer Schuljahre üben. (...) Jede Stadt und fast jedes Dorf hat eine Volksschule, die in den Ferien mit leeren Räumen geradezu darauf wartet, in einen Schlaf- und Speisesaal für wanderlustige Kinder verwandelt zu werden. (...) Jedes Kind wird angehalten, seine Lagerstatt wieder fein säuberlich in Ordnung zu halten."
Nach der Veröffentlichung dieses Zeitungsartikels erhielt Schirrmann zahlreiche Unterstützungsangebote und Spenden, die es ihm ermöglichten, die Nette-Schule für die Nutzung als Jugendherberge auszustatten.
Im Jahr 1912 wurde die Nette-Schule durch die erste ständige Jugendherberge ersetzt. Richard Schirrmann war dort Herbergsvater und wohnte direkt über den Herbergsräumen.
Die Jugendherbergsbewegung fand rasch zahlreiche Anhänger. 1913 gab es Jugendherbergen in 301 Orten, im Jahr 1914 war das Jugendherbergsnetz bereits auf 535 Häuser angewachsen. Auch Kasernen wurden als Jugendherbergen genutzt und im Jahr 1920 erschien das erste umfangreiche Handbuch mit über 700 Anschriften.
Ein Ort zur Völkerverständigung
Sein Einsatz an der Front während des ersten Weltkriegs veränderte Schirrmanns Auffassung von Weltproblemen tiefgehend. Zum Nachdenken brachte ihn vor allem ein Ereignis im Dezember 1915 an der Front. Als die Weihnachtsglocken der umliegenden Dörfer läuteten, trafen Deutsche und Franzosen ein aus dem Augenblick geborenes Friedensabkommen und besuchten sich gegenseitig durch unterirdische Stollen um Wein und Speisen zu teilen. Auch nach den Weihnachtstagen blieben sie "Gut-Freund", bis die militärische Disziplin wieder hergestellt wurde. Schirrmann dachte über das Erlebte nach:"Warum wollten die Männer?nach dem gemeinsam verlebten Weihnachtsfest nicht mehr gegeneinander kämpfen? Sicher nicht aus Feigheit, sondern weil sie sich als Menschen näher gerückt waren... Wie wäre es, wenn die denkreiche Jugend aller Staaten für das sich kennenlernen geeignete Begegnungsstätten fände! ... Könnten und müssten das nicht unsere Jugendherbergen sein, nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt, die damit zu einem Friedens-Brückenbau von Volk zu Volk würden."
Eine Idee wächst über Grenzen hinaus
In den Nachkriegsjahren nutzten immer mehr Jugendliche aus dem Ausland Jugendherbergen in Deutschland und erzählten zu Hause von der neuen Art, Land und Leute kennenzulernen. Ende der 20er Jahre wurden Jugendherbergen in der Schweiz, in Polen, Holland, Frankreich und England eröffnet. Im Jahr 1931 kamen einige führenden Mitarbeiter des holländischen, englischen und schottischen Jugendherbergsverbandes nach Deutschland um Schirrmann persönlich zu treffen. Man beschloss eine internationale Konferenz einzuberufen und so trafen am 20. Oktober 1932 die Vertreter von 11 Ländern zusammen, die den internationalen Jugendherbergsverband (International Youth Hostel Federation) gründeten.
In Österreich war der 31. Mai 1946 die Geburtsstunde des Jugendherbergsverbandes. Der Gründungsversammlung, die im alten Wiener Rathaus stattfand, gehörten zehn Jugendorganisationen an. Bereits ein Jahr später, im Frühjahr 1947, wurde der Grundstein für das internationale Betätigungsfeld des ÖJHV gelegt: Bei der Jugendherbergskonferenz in Blaricum (Niederlande) wurde der Verband in die "International Youth Hostel Federation" (IYHF) aufgenommen.
Quelle: Richard Schirrmann, Gründer der Jugendherbergen - Eine biographische Skizze von Graham Heath, Deutsches Jugendherbergswerk, Detmold, 1965
